Vitamin C

Vitamin C-Mangel

Pseudovaskulitis mit Fatigue, Ekchymosen, Petechien und Arthralgien

Volker Nehls

Der Skorbut (engl. scurvy), die Vitamin C-Mangel-Erkrankung, ist noch immer eine wichtige rheumatologische Differentialdiagnose. Insbesondere bei älteren oder verwahrlosten Patienten, die sich inadäquat ernähren und weitgehend auf Obst und Gemüse verzichten, muß an diese diagnostische Möglichkeit gedacht werden.

Entgegen der landläufigen Meinung, wonach der Vitamin C-Mangel nur die alten Seefahrer betraf und mit dem Aufkommen der Multivitamintablette verschwunden ist, muss festgestellt werden, dass diese Erkrankung noch relativ häufig vorkommt - auch wenn nur wenige Patienten das Vollbild des Skorbut ausbilden. Eine systematische Erhebung in den USA zeigte, dass ca. 10 % der Frauen und 14 % der Männer deutlich erniedrigte Serumspiegel haben (Hampl et al., 1994). Raucher tragen ein deutlich erhöhtes Risiko, einen Vitamin C-Mangel zu entwickeln, männliche Raucher bis zu 50 % (Dickinson et al., 1994).  Andere Untersuchungen zeigten, dass bis zu 40 % der Bewohner von Seniorenheimen stark reduzierte Ascorbinsäure-Konzentrationen im Blut haben (Mandal and Ray 1987; Bates et al., 1999) !

Ascorbinsäure wird vor allem über die Zufuhr von frischem Obst und Gemüse aufgenommen. Eine Einnahme von mehr als 70 mg Vitamin C täglich führt zu einer verstärkten Ausscheidung über die Niere, aber nicht zu höheren Serumspiegeln. Vitamin C wird in verschiedenen Organen wie Leber und Nebennierenrinde angereichert, sowie in Granulozyten. In Granulozyten findet sich ein gegenüber dem Blutplasma mehrfach erhöhter Ascorbinsäuregehalt. Hauptaufgabe hier ist es, die bei Entzündungsprozessen verstärkt anfallenden toxischen Sauerstoffradikale zu neutralisieren.

Die Gewebespeicher des Vitamin C reichen für ca. 4-8 Wochen. Erste Symptome entwickeln sich bei vollständiger Ascorbinsäure-Karenz nach 8-12 Wochen. Die Erkrankung beginnt in der Regel mit einem Vitalitätsverlust (Fatigue), dann folgen punktförmige Blutungen (Petechien) und flächenhafte Blutungen (Ekchymosen), bedingt durch eine erhöhte Fragilität der Blutgefäße (Vitamin C ist essentiell für die Kollagen-Biosynthese). Später kommen Zahnfleischwucherungen und -blutungen hinzu. Der Blutdruck kann ansteigen, selbst bei Kindern (Weinstein et al., 2000). Blutungen in Gelenke und Muskulatur führen zu Hämarthros, Hämatomen und Muskelschmerzen. Die Entzündungswerte (CRP) sind regelhaft erhöht; häufig entwickelt sich eine Anämie, die u.a. auf eine erniedrigte Eisenresorption zurückzuführen ist. Ascorbinsäure-Spiegel sind negativ mit dem C-reaktiven Protein korreliert (Gariballa and Forster 2006). Patienten mit hohem CRP haben daher statistisch gesehen niedrigere Vitamin-C-Spiegel.

Bei rechtzeitiger Diagnosestellung ist die Prognose sehr gut, in der Regel zeigen die Patienten eine dramatische Besserung wenige Tage nach Beginn der Substitutionstherapie. Vitamin C-Spiegel kleiner als 2,5 mg/l bestätigen den Verdacht. Wenn die Symptome mit den Laborbefunden in Einklang zu bringen sind und die Erkrankung mit Vitamin C zu heilen ist, darf die Diagnose gestellt werden.

Literatur:

Adelman HM et al., Scurvy resembling cutaneous vasculitis. Cutis. 1994 Aug;54(2):111-4.

Bates CJ et al. Micronutrients: highlights and research challenges from the 1994-5 National Diet and Nutrition Survey of people aged 65 years and over. Br J Nutr. 1999;82:15.

Dickinson VA et al., Supplement use, other dietary and demographic variables, and serum vitamin C in NHANES II. J Am Coll Nutr. 1994;13:22, 32

Fain O, Musculoskeletal manifestations of scurvy. Joint Bone Spine. 2005 Mar;72(2):124-8.

Fain O et al., Hypovitaminosis C in hospitalized patients. Eur J Intern Med. 2003 Nov;14(7):419-425

Gariballa S, Forster S. Effects of acute-phase response on nutritional status and clinical outcome of hospitalized patients. Nutrition. 2006 Jul-Aug;22(7-8):750-7.

Hampl JS et al., Vitamin C deficiency and depletion in the United States: the Third National Health and Nutrition Examination Survey, 1988 to 1994. Am J Public Health. 2004 May;94(5):870-5

Hirschmann JV, Raugi GJ. Adult scurvy. J Am Acad Dermatol. 1999 Dec;41(6):895-906; quiz 907-10. Review

Kim MK et al., Lack of long-term effect of vitamin C supplementation on blood pressure. Hypertension. 2002 Dec;40(6):797-803.

Leclerc PC et al., Ascorbic Acid Decreases the Binding Affinity of the AT(1) Receptor for Angiotensin II. Am J Hypertens. 2008 Jan;21(1):67-71

Mandal SK, Ray AK. Vitamin C status of elderly patients on admission into an assessment geriatric ward. J Int Med Res. 1987 Mar-Apr;15(2):96-8

Oliveira-Sales EB et al., Oxidative stress contributes to renovascular hypertension. Am J Hypertens. 2008 Jan;21(1):98-104

Sato K et al., Effects of ascorbic acid on ambulatory blood pressure in elderly patients with refractory hypertension. Arzneimittelforschung. 2006;56(7):535-40

Weinstein M et al., An orange a day keeps the doctor away: scurvy in the year 2000. Pediatrics. 2001 Sep;108(3):E55

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