Thionamide

Thionamid-induzierte Autoimmunerkrankungen

Volker Nehls

Rheumatische Krankheitsbilder, die klinisch und laborchemisch Polyarthritiden, Vaskulitiden und Kollagenosen ähneln, können (selten) Folge einer Behandlung mit Thyreostatika sein. An diese Möglichkeit muß gedacht werden, wenn bei der Behandlung einer Hyperthyreose mit Thiamazol, Carbimazol und vor allem Propylthiouracil Gelenkschmerzen, Muskelschmerzen oder Hautveränderungen auftreten.

In den ersten zwei Monaten einer Therapie mit Thyreostatika kann eine migratorische Polyarthritis auftreten, die meist innerhalb von vier Wochen nach Absetzen des Medikamentes regredient ist (Bajaj et al., 1998; Tosun et al., 1995).

20 bis 30 % der Patienten, die mit Propylthiouracil behandelt werden, bilden Antikörper gegen neutrophile Granulozyten (ANCA). Von diesen Patienten zeigt jedoch nur etwa ein Fünftel eine klinische Symptomatik i.S. einer Vaskulitis oder Lupus-ähnlicher Erkrankung mit Arthralgien und Myalgien (Sera et al., 2000; Yu et al., 2005). Die symptomatischen Patienten zeigen häufig (verglichen mit ANCA-assoziierten idiopathischen Vaskulitiden) eine Hautbeteiligung (> 60 %, vor allem leukozytoklastische Vaskulitis und Urticaria), aber nur relativ selten eine Organbeteiligung wie z.B. eine Entzündung der Nierengefäße (Bonaci-Nikolic et al., 2005). Schwere Komplikationen sind bei der Thionamid-induzierten Autoimmunerkrankung daher selten. Methimazol (Thiamazol) löst im Vergleich zu Propylthiouracil seltener eine Autoimmunerkrankung aus, auch für Methimazol wurden jedoch Fälle beschrieben. Der Nachweis von c-ANCA (anti-Proteinase 3) ist offenbar mit einem schwereren Verlauf und einem höheren Risiko einer vaskulitischen Organbeteiligung (Lunge, Niere) verbunden (Aloush et al., 2006).

Laborchemisch finden sich bei den betroffenen Patienten ANCA sowohl gegen Myeloperoxidase (MPO) als auch Proteinase 3 (PR3), Antikörper gegen Endothelzellen (AECA), Antikörper gegen nukleäre Faktoren (ANA), Antikörper gegen Histone, Antikörper gegen Cardiolipin und ein erniedrigter Komplementfaktor C4. Ein erhöhtes CRP findet sich nur bei wenigen Patienten mit Thionamid-induzierter Autoimmunerkrankung, aber bei den meisten Patienten mit idiopathischer Vaskulitis (M. Wegener, Mikroskopische Polyangiitis). Auch eine Leukozytose ist nicht zu erwarten, häufiger ist eine Leukopenie.

Der typische Patient mit einer Thionamid-induzierten, ANCA-positiven Autoimmunerkrankung ist weiblich, jung, leidet an einem Morbus Basedow und erhält Propylthiouracil oder seltener Thiamazol/Carbimazol (Bonaci-Nikolic et al., 2005; Sera et al., 2000).

Wichtig ist es, an die Möglichkeit einer medikamentösen Auslösung einer Autoimmunerkrankung zu denken. Nach Absetzen des Medikamentes kommt es innerhalb kurzer Zeit zu einem Rückgang der Symptome, die Laborveränderungen normalisieren sich in der Regel innerhalb von Monaten, p-ANCA und Cardiolipin-Antikörper können jedoch bis zu 2 Jahre persistieren (Bonaci-Nikolic et al., 2005).

 

Literatur:

Aloush V et al., Propylthiouracil-induced autoimmune syndromes: two distinct clinical presentations with different course and management. Semin Arthritis Rheum. 2006 Aug;36(1):4-9. Epub 2006 Jul 3

Bajaj S et al., Antithyroid arthritis syndrome. J Rheumatol. 1998 Jun;25(6):1235-9. Review.

Bonaci-Nikolic B et al., Antineutrophil cytoplasmic antibody (ANCA)-associated autoimmune diseases induced by antithyroid drugs: comparison with idiopathic ANCA vasculitides.Arthritis Res Ther. 2005;7(5):R1072-81. Epub 2005 Jul 13

Sera N et al., Treatment with propylthiouracil is associated with appearance of antineutrophil cytoplasmic antibodies in some patients with Graves' disease.Thyroid. 2000 Jul;10(7):595-9.

Tosun M et al., Intermittent polyarthritis due to propylthiouracil. Clin Rheumatol. 1995 Sep;14(5):574-5.

Yu F et al., Anti-endothelial cell antibodies (AECA) in patients with propylthiouracil (PTU)-induced ANCA positive vasculitis are associated with disease activity. Clin Exp Immunol. 2005 Mar;139(3):569-74

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