Rheumatologie

Rheumatologische Aspekte von Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse

Volker Nehls

Zusammenfassung eines Vortrages im Arzt-Patienten-Seminar der Schilddrüsen-Liga, Universitätsclub Bonn, 24.09.2011:

Autoimmunentzündungen der Schilddrüse sind Systemerkrankungen. Meist entwickeln sich nur die Symptome der Schilddrüsenentzündung, also die Zeichen der Schilddrüsenüberfunktion oder Unterfunktion. Einige Patienten zeigen jedoch Symptome, die nicht durch Veränderungen der Schilddrüse, sondern durch Veränderungen im Immunsystem zu erklären sind. In einer großen Studie an 2791 Patientinnen mit Morbus Basedow und 495 mit Hashimoto-Thyreoiditis wurde gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeit, an einer weiteren Autoimmunerkrankung zu leiden, für Basedow-Patientinnen bei 9,67 %,, für Hashimoto-Patientinnen bei 14,3 % liegt (Boelaert et al., 2010).

Die häufigste in Assoziation mit Autoimmunthyreoiditiden auftretende Autoimmunerkrankung ist die rheumatoide Arthritis. Während nur ca. 0,5 % der Normalbevölkerung an einer rheumatoiden Arthritis leidet, beträgt die Prävalenz bei Basedow-Patientinnen 3,15 %, bei Hashimoto-Thyreoditis 4,24 % (Boelaert et al., 2010). Das relative Risiko für andere Autoimmunerkrankungen wie Lupus erythematodes, Morbus Addison, Vitiligo oder Zöliakie ist um mehr als das Zehnfache erhöht. Wenn Thyreoiditis-Patienten daher neue und nicht durch die Schilddrüsenfunktion erklärbare Symptome entwickeln, müssen assoziierte Autoimmunerkrankungen sorgfältig ausgeschlossen werden.

Die häufigsten nicht-organbezogenen Antikörper, die bei der Thyreoiditis auftreten, sind antinukleäre Antikörper (ANA). Während sich diese Antikörper bei 14,7 % gesunder Menschen nachweisen lassen, steigt der Prozentsatz bei Hashimoto-Betroffenen auf 45 % (Lazurova et al., 2009).

Die Fibromyalgie gilt nicht als Autoimmunerkrankung. Dennoch ist das Risiko, eine Fibromyalgie zu entwickeln, bei Patientinnen mit Hashimoto-Thyreoiditis erhöht. Eine Arbeit zeigte, dass Gesunde zu 18,8 % Antikörper gegen Schilddrüsenantigene ausbilden, Fibromyalgie-Patienten hingegen zu 34,4 % (Pamuk und Cakir, 2007). Eine andere Untersuchung ergab sogar, dass sich bei 41 % mindestens ein gegen Schilddrüsenproteine gerichteter Antikörper finden lässt (Bazzichi et al., 2007).

Stress ist eine wichtige Einflussgrösse für die Entwicklung einer Fibromyalgie. Viele Patienten berichten von seelischen oder körperlichen Traumatisierungen in ihrer Vergangenheit. Über die Hypothalamus-Hypophysen-Achse führt Stress akut zu einem Cortisolanstieg, langfristig zu komplexen Veränderungen des glukocortikoiden Systems und des Immunsystems. Sowohl Autoimmunphänomene wie auch eine chronische Absenkung der Schmerzschwelle könnten auf eine Stressexposition zurückgeführt werden. Eine umgekehrte Kausalität, d.h. die Möglichkeit einer Autoimmuninduktion der Fibromyalgieschmerzen, ist in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle nicht anzunehmen. Eine entzündliche Afffektion des Zentralnervensystems bei Thyreoiditis-Patientinnen ist jedoch bekannt und wird als Hashimoto-Enzephalitis bezeichnet.

Dass neben den mit der Hashimoto-Enzephalopathie verbundenen neurologischen Symptomen in Einzelfällen auch eine veränderte Schmerzwahrnehmung auftreten kann, ist anzunehmen. Wenn Fibromyalgie-Patientinnen sehr gut auf Cortison ansprechen, was in aller Regel nicht der Fall ist, sollte an eine Immunpathogenese des Schmerzsyndroms gedacht werden.

Zwillingsstudien ergaben, dass die Konkordanz für die Entwicklung einer Hashimoto-Thyreoiditis für eineiige weibliche Zwillinge bei 0,5-0,7 liegt (Brix und Hegedüs, 2011). So lässt sich abschätzen, dass die Erkrankung zu mehr als 50 % genetisch determiniert ist. Von mehreren Genen, die mit der Entwicklung einer Autoimmunthyreoditis in Verbindung gebracht wurden, sind insbesondere MHC Klasse II Rezeptoren (die für die Präsentation extrazellulärer Antigene zuständig sind) zu nennen (Tomer, 2010). Umweltfaktoren, die die Ausbildung einer Autoimmunthyreoiditis fördern, sind Virusinfekte, Umweltgifte, Medikamente wie Interferon und eine Jodexposition.

Immunologisch finden wir bei der Autoimmunthyreoiditis eine T-Zell-Reaktion mit erhöhter TH1/TH2-Relation (Nanba et al., 2009). TH-17-Lymphozyten, eine wichtige proinflammatorische Fraktion von T-Lymphozyten, sind ebenfalls erhöht. Je schwerer der Verlauf der Autoimmunthyreoiditis, umso höher die TH1/TH2-Relation und umso höher die TH-17-Lymphozyten (Nanba et al., 2009). Die Inaktivierung von TH17-Zellen hemmt die Entwicklung der Jod-induzierten Autoimmunthyreoiditis im Tierversuch (Horie et al., 2009).

Regulatorische T-Zellen (Tregs) wirken entzündungshemmend. Wenn Tregs inaktiviert werden, entwickeln sich Autoimmunerkrankungen wie Diabetes Typ I oder Hashimoto-Thyreoiditis (Nakahara et al., 2011). TH17-Lymphozyten und Tregs werden maßgeblich durch das Immunsystem des Darmes und somit unter enger Mitwirkung der intestinalen Bakterienflora ausgebildet. Noch zu wenig wissen wir heute über die Beeinflussbarkeit von Autoimmunerkrankungen durch die Ernährung. Intraepitheliale Lymphozyten der Darmschleimhaut bilden direkte Zellkontakte mit Darmbakterien aus und spielen eine wichtige Rolle in der Entwicklung einer Immuntoleranz (Locke et al., 2006). Erhöhte Zahlen intraepithelialer Lymphozyten finden sich im Colonepithel von Patienten mit Hashimoto-Thyreoiditis (Cindoruk et al., 2002) und anderen Autoimmunerkrankungen.

 

Literatur:

Bazzichi L et al., Association between thyroid autoimmunity and fibromyalgic disease severity. Clin Rheumatol. 2007 Dec;26(12):2115-20.

Brix TH, Hegedüs L. Twins as a tool for evaluating the influence of genetic susceptibility in thyroid autoimmunity. Ann Endocrinol (Paris). 2011 Apr;72(2):103-7. Epub 2011 Apr 20. Review

Cindoruk M et al.,Increased colonic intraepithelial lymphocytes in patients with Hashimoto's thyroiditis. J Clin Gastroenterol. 2002 Mar;34(3):237-9

Horie I et al., T helper type 17 immune response plays an indispensable role for development of iodine-induced autoimmune thyroiditis in nonobese diabetic-H2h4 mice. Endocrinology. 2009 Nov;150(11):5135-42

Lazurova I et al., Autoimmune thyroid disease and autoimmune rheumatic disorders: a two-sided analysis. Ann N Y Acad Sci. 2009 Sep;1173:211-6

Locke NR et al., TCR gamma delta intraepithelial lymphocytes are required for self-tolerance. J Immunol. 2006 Jun 1;176(11):6553-9

Nakahara M et al., The effect of regulatory T-cell depletion on the spectrum of organ-specific autoimmune diseases in nonobese diabetic mice at different ages. Autoimmunity. 2011 Sep;44(6):504-10.

Nanba T et al., Increases of the Th1/Th2 cell ratio in severe Hashimoto's disease and in the proportion of Th17 cells in intractable Graves' disease.Thyroid. 2009 May;19(5):495-501

Pamuk ON, Cakir N. The frequency of thyroid antibodies in fibromyalgia patients and their relationship with symptoms.Clin Rheumatol. 2007 Jan;26(1):55-9.

Tomer Y. Genetic susceptibility to autoimmune thyroid disease: past, present, and future.Thyroid. 2010 Jul;20(7):715-25. Review.

 

 

 

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