Osteoporose

Osteoporose bei Schilddrüsenüberfunktion

Volker Nehls

In den Vereinigten Staaten bekommen mehr als 10 % der postmenopausalen Frauen Schilddrüsenhormon-Tabletten und von diesen sind ca. 20 % übersubstituiert (Abe et a., 2007). Viele dieser Patientinnen nehmen mehr Thyroxin als vom Arzt empfohlen; zum Teil, um nicht an Gewicht zuzunehmen, anderenteils aus Gründen des allgemeinen Wohlbefindens. Eine Schilddrüsenüberfunktion ist ein wichtiger Risikofaktor für die Entwicklung einer Osteoporose. Auch eine subklinische Schilddrüsenüberfunktion (TSH supprimiert, periphere Schilddrüsenhormone T3 und T4 im Normbereich) führt über längere Zeiträume zu einer Knochendichteminderung (Belaya et al., 2007; Morris 2007). Dabei ist es unerheblich, ob das Schilddrüsenhormon vom Körper selbst produziert oder von aussen zugeführt wird. Während bei prämenopausalen Frauen nur geringe Effekte demonstriert werden konnten, sind vor allem Frauen nach den Wechseljahren gefährdet (Biondi et al., 2005).

Welcher Mechanismus führt zum Abbau von Knochensubstanz bei der Hyperthyreose ? Mehrere Studien zeigen, dass T3 die Differenzierung von knochenabbauenden Zellen (Osteoklasten) fördert (Kanatani et al., 2004). Patientinnen mit Hyperthyreose zeigen häufig eine erhöhte Kalzium-Ausscheidung als Maß für den verstärkten Knochenabbau, und auch andere Knochenabbauprodukte (Pyridinolin, Peptide des Kollagens) lassen sich vermehrt im Urin nachweisen. Zugleich wird die Aktivität der knochenaufbauenden Zellen (Osteoblasten) stimuliert, so dass letztendlich der Knochenumsatz erhöht ist. Bei der Hyperthyreose finden sich daher zugleich laborchemische Zeichen des verstärkten Knochenabbaues und der verstärkten Knochenneubildung (erhöhtes Osteocalcin und erhöhte alkalische Knochenphosphatase). Die Bilanz ist jedoch negativ, letztlich geht mehr Knochenmasse verloren als neu gebildet wird (Garnero et al., 1994).

In den letzten Jahren wurden Ergebnisse publiziert, die eine direkte TSH-Wirkung am Knochen belegen sollten (Abe et al., 2003). Die Autoren dieser Studien zeigten, dass der TSH-Rezeptor an Osteoklasten TSH-abhängig den Knochenabbau hemmt und demnach bei der Schilddrüsenüberfunktion nicht T4/T3, sondern der Mangel an TSH verantwortlich für den Knochenmasseverlust zu machen ist. Neuere molekularbiologische Untersuchungen konnten diese Sichtweise allerdings nicht bestätigen (Bassett et al., 2007), und es ist daher gegenwärtig davon auszugehen, dass es sich ganz überwiegend um eine direkte Wirkung des Schilddrüsenhormons T3 - und nicht von TSH - am Knochen handelt.

Entscheidend bei der Behandlung der T3-induzierten Osteoporose ist die Beseitigung der Schilddrüsenfunktionsstörung durch Medikamente, Operation oder Radiojodtherapie. Ca. einen Monat nach Normalisierung der Schilddrüsenfunktion normalisieren sich Osteocalcin und Knochenabbauprodukte (Pyridinolin im Urin), nach ca. 4 Monaten sinkt auch die alkalische Phosphatase (Garnero et al., 1994).

Patienten mit Schilddrüsenkarzinomen benötigen, je nach Differenzierungsgrad des Tumors, eine langfristig bis dauerhaft erhöhte Schilddrüsenhormondosis mit dem Ziel der TSH-Suppression. Bei diesen Patienten und bei allen anderen Patienten mit fortbestehender Hyperthyreose und relevanter Knochendichteminderung ist eine Behandlung mit Bisphosphonaten angezeigt. Bisphosphonate, z.B. Alendronsäure oder Risedronsäure, senken den erhöhten Knochenumsatz effektiv und führen zu einer Zunahme der Knochendichte (Majima et al., 2006, Lupoli et al., 1996). Erfahrungen mit anderen Osteoporose-Therapeutika bei dieser sekundären Osteoporose sind sehr begrenzt, so dass im Zweifelsfall Bisphosphonaten der Vorzug gegeben werden sollte.

 

 

Literatur:

Abe E et al., Bone loss in thyroid disease: role of low TSH and high thyroid hormone. Ann N Y Acad Sci. 2007 Nov;1116:383-9

Abe E et al., TSH is a negative regulator of skeletal remodeling. Cell. 2003 Oct 17;115(2):151-62

Bassett JH et al., A lack of thyroid hormones rather than excess TSH causes abnormal skeletal development in hypothyroidism. Mol Endocrinol. 2007 Oct 11; [Epub ahead of print]

Belaya ZE et al., Subclinical hyperthyroidism of variable etiology and its influence on bone in postmenopausal women. Hormones (Athens). 2007 Jan-Mar;6(1):62-70

Biondi B et al., Subclinical hyperthyroidism: clinical features and treatment options. Eur J Endocrinol. 2005 Jan;152(1):1-9. Review

Garnero et al., Markers of Bone Turnover in Hyperthyroidism and the Effects of Treatment. J Clin Endocrinol Metab 78 (4)955-59.

Kanatani M et al., Thyroid hormone stimulates osteoclast differentiation by a mechanism independent of RANKL-RANK interaction. J Cell Physiol. 2004 Oct;201(1):17-25

Kim DJ et al., Low normal TSH levels are associated with low bone mineral density in healthy postmenopausal women. Clin Endocrinol (Oxf). 2006 Jan;64(1):86-

Kisakol G et al., Bone and calcium metabolism in subclinical autoimmune hyperthyroidism and hypothyroidism. Endocr J. 2003 Dec;50(6):657-61

Lupoli G et al., Effects of alendronate on bone loss in pre- and postmenopausal hyperthyroid women treated with methimazole. Gynecol Endocrinol. 1996 Oct;10(5):343-8

Majima T et al., Clinical significance of risedronate for osteoporosis in the initial treatment of male patients with Graves' disease. J Bone Miner Metab. 2006;24(2):105-13

Morris MS. The association between serum thyroid-stimulating hormone in its reference range and bone status in postmenopausal American women.Bone. 2007 Apr;40(4):1128-34. Epub 2007 Jan 22

Mundy GR et al., Direct stimulation of bone resorption by thyroid hormones.J Clin Invest. 1976 Sep;58(3):529-34.

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