Nebenschilddrüse

Primärer Hyperparathyreoidismus

Volker Nehls

Die Nebenschilddrüsen werden auch als Epithelkörperchen bezeichnet und produzieren das Parathormon. Beim Menschen finden sich vier Epithelkörperchen an der Rückseite der Schilddrüse, selten ist eine ektope Lage anzutreffen, z.B. im Mediastinum. Parathormon erhöht über verschiedene Mechanismen den Kalziumspiegel im Blut. Im Sinne einer negativen Rückkopplung wird die Parathormon-Sekretion durch Kalzium und Vitamin D gehemmt. Eine krankhafte Vergrößerung eines Epithelkörperchens wird als Epithelkörperchenadenom bezeichnet. In der Regel zeichnen sich diese Adenome durch eine überschießende Produktion von Parathormon aus. Der zur Hyperkalziämie führende primäre Hyperparathyreoidismus (pHPT) ist relativ häufig und nimmt mit dem Lebensalter zu. In den USA wird die Prävalenz des primären Hyperparathyreoidismus bei über 65-Jährigen auf 1-5 % geschätzt. Die Mehrzahl dieser Patienten wird nicht diagnostiziert und nicht chirurgisch behandelt.

Da viele Patienten mit primärem Hyperparathyreoidismus keine klassischen Symptome der Erkrankung (Nierensteine, osteoporotische Frakturen, Magengeschwüre) aufweisen, stellt sich die Frage, welche Patienten für eine chirurgische Entfernung des Epithelkörperchenadenoms in Frage kommen. In einer NIH Konsensus-Konferenz (Bilezikian et al., 2002) einigte man sich darauf, dass bei Vorliegen eines oder mehrerer der folgenden Kriterien eine chirurgische Sanierung anzuraten ist: a. Alter < 50 Jahre, b. Serumkalzium > 0,25 mmol/l über der Obergrenze des Normalbereiches, c. Kalziumausscheidung im 24 h Urin > 10 mmol, d. Kreatininclearance reduziert um 30 % oder mehr und e. Nachweis einer signifikanten Knochendichteminderung (Osteoporose).

Diesen NIH-Kriterien wurde vorgeworfen, die Indikation zur Parathyreoidektomie zu restriktiv zu stellen (Eigelberger et al., 2004). Es wurde darauf hingewiesen, dass auch Patienten, die diese Kriterien nicht erfüllen, von einer chirurgischen Therapie profitieren können, insbesondere was die Verbesserung der Lebensqualität bezüglich neuropsychiatrischer Symptome betrifft (Eigelberger et al., 2004). Während viele Autoren davon ausgehen, dass bis zu 80 % der Patienten mit primärem Hyperparathyreoidismus asymptomatisch sind (Taniegra 2004; Boonen et al., 2004), wird von anderen Autoren die Frage formuliert, ob es überhaupt asymptomatische Patienten mit pHPT gibt (Mihai et al., 2008).

Manchmal wissen die Betroffenen erst nach der Operation, dass sie an Symptomen der Erkrankung litten - wenn sich Knochenschmerzen und Depressionssymptome bessern, die zuvor als altersbedingt angesehen wurden (Hasse et al., 2000; Talpos et al., 2000). In einer randomisierten Studie an 50 Patienten mit “asymptomatischem” pHPT hatten die operierten Patienten ein Jahr nach der Operation signifikant weniger Schmerzen und eine bessere Vitalität (Ambrogini et al., 2007). Andere Studien zeigten allerdings keine wesentlichen Unterschiede zwischen operierten und konservativ behandelten Patienten (Rao et al., 2004; Bollerslev et al., 2007; Tsukahara et al., 2008).

Ungefähr ein Drittel bis ein Viertel der asymptomatischen Patienten entwickelt im weiteren Verlauf mindestens ein klassisches pHPT-Symptom, z.B. Nierensteine (Silverberg et al., 1999). Generell ist die Frage, ob Patienten mit milder Ausprägung eines pHPT von einer Operation profitieren, nicht abschliessend zu beantworten. Ein pHPT kann zu rheumatischen Symptomen führen. Das Auftreten von Gelenkschmerzen, Schwellungen oder osteoporotischen Frakturen kann bei der Therapieentscheidung den Ausschlag geben.

Rheumatologische und nutritive Aspekte des primären Hyperparathyreoidismus

 

Literatur:

Ambrogini E et al., Surgery or surveillance for mild asymptomatic primary hyperparathyroidism: a prospective, randomized clinical trial. J Clin Endocrinol Metab. 2007 Aug;92(8):3114-21

Bilezikian JP et al., Summary statement from a workshop on asymptomatic primary hyperparathyroidism: a perspective for the 21st century. J Clin Endocrinol Metab. 2002 Dec;87(12):5353-61. Review.

Bollerslev J et al., Medical observation, compared with parathyroidectomy, for asymptomatic primary hyperparathyroidism: a prospective, randomized trial. J Clin Endocrinol Metab. 2007 May;92(5):1687-92

Boonen S et al., Primary hyperparathyroidism: diagnosis and management in the older individual. Eur J. Endocrinol. 2004: 151: 297-304

Eigelberger MS et al., The NIH criteria for parathyroidectomy in asymptomatic primary hyperparathyroidism: are they too limited? Ann Surg. 2004 Apr;239(4):528-35

Hasse C et al., How asymptomatic is asymptomatic primary hyperparathyroidism? Exp Clin Endocrinol Diabetes. 2000;108(4):265-74

Mihai R et al., Asymptomatic hyperparathyroidism - need for multicentre studies. Clin. Endocrin. 2008: 68: 155-164.

Rao DS et al., Randomized controlled clinical trial of surgery versus no surgery in patients with mild asymptomatic primary hyperparathyroidism. J Clin Endocrinol Metab. 2004 Nov;89(11):5415-22

Silverberg SJ et al., A 10-year prospective study of primary hyperparathyroidism with or without parathyroid surgery. N Engl J Med. 1999 Oct 21;341(17):1249-55.

Taniegra ED. Hyperparathyroidism. Am. Fam. Phys. 2004: 69: 330-340

Talpos GB et al., Randomized trial of parathyroidectomy in mild asymptomatic primary hyperparathyroidism: patient description and effects on the SF-36 health survey. Surgery. 2000 Dec;128(6):1013-20

Tsukahara K et al., Surgery did not improve the subjective neuropsychological symptoms of patients with incidentally detected mild primary hyperparathyroidism. Eur Arch Otorhinolaryngol. 2008 May;265(5):565-9.

 

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